(zusammengestellt von Johannes Grenzfurthner und Frank Apunkt SchneidEr / www.monochrom.at)
Georg Paul Thomann wird am 13. März 1945 in Bödele in Vorarlberg als Sohn von Hans und Hermine Thomann geboren. EIne Woche später wird er in der evangelischen Kirche in Dornbirn getauft (AB). Hans Thomann ist Postbeamter, Hermine Thomann Hausfrau. Georg ist nach Peter und Günther das dritte Kind der Familie.
1951 - 1962
Von 1951 bis 1955
besucht Thomann die Volksschule in Bödele.
Ab 1955 besucht Thomann
das Gymnasium in Dornbirn.
Georg erweist sich als
außergewöhnlich intelligenter Schüler, die Dornbirner Lehrer loben durchwegs
seine Selbständigkeit, sein frühreifes soziales Verantwortungsgefühl und seine
organisatorischen Fähigkeiten.
Nach der vierten
Gymnasialklasse wird Thomann auf Betreiben des evangelischen Pfarrers von
Dornbirn, Julius Eberle, ins städtische Internat aufgenommen. Thomann wendet
sich zu dieser Zeit stark der Kirche zu und ist von der erhabenen Erscheinung
seines Förderers Eberle zutiefst eingenommen. Ihm gegenüber äußert er mehrfach
den Wunsch, Priester zu werden.
Viel eher als diese
angebliche Berufung treibt ihn jedoch die gewonnene Unabhängigkeit von den
Eltern an, aktiv am Anstaltsleben teilzuhaben. Während der Oberstufenzeit von
1959 bis 1963 sieht er seine Eltern nur zweimal pro Schuljahr, an Weihnachten
und an Ostern. Auch die Sommerferien verbringt er nicht Zu Hause, sondern mit
Klassenkollegen. In einer großen Gruppe befährt man jeden Sommer mit Rädern das
Rheinufer bis an den Bodensee.
„Es gab
wenigstens eine Erfahrung dessen, was Natur vielleicht sein könnte. Das hab ich
von Vorarlberg in guter Erinnerung. Wir haben uns von den Bergen abgewandt und
haben die Weite gesucht, oder besser gesagt die FlächEn. Die Flächen des Rheins
und des Bodensees waren für mich sicherlich ein wesentlicher Antrieb zu
zeichnen und zu malen.“ (Thomann in einem Gespräch mit Herbert Buchner,
veröffentlicht in „Bedingungen“, Hrsg.: Herbert Buchner, Verlag Ueberreuter)
In der sechsten Klasse
gründet Thomann die Schülerzeitung „Das Boot“, die mit von seinen
Klassenkameraden verfassten schulinternen Berichten und einer Fülle von ihm
selbst gezeichneter Comics und Karikaturen gestaltet wird (unter anderem „Galacta“).
Als die Anstalt im Herbst 1961 ein gebrauchtes
Tonbandgerät („AEG-Telefunken Magnetophon KL 65 KS mit Kristallmikrophon“)
ankauft - gedacht zur Modernisierung des Fremdsprachenunterrichts - ist Thomann
begeistert. Er bringt es im GeheimEn immer wieder ins Gruppenzimmer. Auf
unbespielten Spuren der Englisch- und Französischtonbänder experimentiert er
gemeinsam mit den Zimmerkollegen.
„Während ich aufnahm,
liefen die anderen im Zimmer auf und ab und gaben iRgendwelche, meist sehr
derbe Wortfetzen von sich. Dann hantierte ich mit dem Apparat solange herum,
bis irgendwas Lustiges mit dem Aufgenommenen passierte, wenn alle lachten, war
ich zufrieden.“ Im Schlafzimmer hören die Buben außerdem Schallplatten und in
der Nacht Radio. „Was uns verband, war unser Hass auf Elvis Presley. Es gab
neben Elvis nichts, außer mein Heimatdorf, das ich annähernd so stark
verabscheute. Wir wollteN Beat, sonst nichts.“ (Thomann
in „Jungle World“, August 1999)
Ab deR siebten Klasse
beginnt Thomann, Gedichte und kurze Prosa zu schreiben, vernichtet aber den
Großteil davon wieder. (Erhalten ist nur das „Atommärchen Bumm“ und das
Gedicht „Dadobele“.)
Als Vorbilder dienen ihm
H. C. Artmann und Gerhard Rühm, deren neueste Gedichtbände er laufend von
Pfarrer Eberle geschenkt bekommt.
Unzufrieden mit den
Artikeln seiner Freunde, übernimmt er in seiner Schülerzeitung nun auch die
Verantwortung für den Textteil. Er schreibt kritische Beurteilungen aller
Lehrer und bemängelt den baulichen Zustand des Internatsgebäudes. Das teilweise
aufgebrachte Lehrpersonal muss immer wieder von Pfarrer Eberle beruhigt werden,
der immer noch seine schützende Hand über den Jungen hält.
Thomann versucht, außerhalb des
UnteRrichts Klassiker der Philosophie zu lesen, gibt aber zu, nichts davon zu
verstehen.
„Es war mir egal, mir
ging es um das Gefühl, das ich beim Lesen hatte. Meine Augen flogen über
Nietzsche und Schopenhauer und ich tauchte in eine Traumwelt ein. Nie mehr
empfand ich ein so befreiendes Unwissen. Oder vielleicht doch. Mit Maria
Prantner.“ („profil“ Nr. 11/1988)
Maria Prantner und Georg
P. Thomann lernen sich in den Sommerferien 1962 bei einem Dornbirner Jugendfest
kennen. Sie ist seine erSte Liebe. Während der achten Klasse sind die
nächtlichen Treffen mit Maria ein weiterer Grund für die zunehmend feindselige
Haltung der meisten Lehrer gegenüber Thomann.
Als er sich in einem
seiner Artikel im „Boot“ direkt gegen den Direktor wendet und ihn in die
Pension wünscht, platzt dem der Kragen. Thomann erhält zweiwöchigen Karzer, „Das
Boot“ darf nicht mehr erscheinen. Pfarrer Eberle kann einen Anstaltsverweis
verhindern.
1963
Wenige Wochen vor der Matura werden
Thomann und seinen Zimmergenossen sämtliche privaten Annehmlichkeiten wie
Plattenspieler, Radiogeräte oder Unterhaltungsliteratur weggenommen und später
nicht wieder ausgehändigt.
„Sie kamen mit einer Art
Inventarliste unseres privaten Besitzes in den Schlafraum und nahmen alles mit,
was auf der Liste stand. Als sie verschwunden waren konnten wir uns nicht
halten vor Lachen. Das schuleigene Tonbandgerät stand noch immer auf meinem Bett.
Es war nicht auf der Liste gewesen. Ich hab es sofort sorgfältig verstaut und
nach der Matura mitgenommen. Es funktioniert noch immer.“ (Thomann in „Jungle World“, August 1999)
Thomann maturiert am 12. Mai 1963 mit
ausgezeichnetem Erfolg. Bei der Abschlusszeremonie lehnt er Es jedoch ab, sein
Maturazeugnis vom Kommissionsvorsitzenden überreicht zu bekommen, über den sich
die Schüler im Vorfeld erzählten, er wäre unter den Nationalsozialisten
Polizeikommandant in Passau/Deutschland gewesen. Es entwickelt sich ein Tumult
mit dem Anstaltsdirektor und Pfarrer Eberle, in dem Thomann den Vorsitzenden
als „SS-Schwein“ beschimpft. Thomann reißt ihm das Zeugnis aus der Hand,
erhält vom Direktor eine Ohrfeige und läuft aus dem Haus. Pfarrer Eberle zeigt
sich vom Verhalten seines Schützlings persönlich beleidigt und nimmt Thomanns
Schulabgang zum Anlass, keinen weiteren Kontakt mit ihm zu pflegen. (Anm.: In
einem Gespräch mit Thomanns Eltern soll Pfarrer Eberle die Frage gestellt
haben: „Wer hat mir nur den Schorsch so verdorben?“)
Auf Anraten seines Zeichenlehrers
Friedrich Zurbrügg entschließt sich Thomann, an der Akademie der bildenden
Künste in Wien zu studieren. Die Aufnahmsprüfung besteht Thomann mit mehreren
im Maßstab 1:10 verkleinerten Kopien impressionistischer Meister. Er wird
Schüler der Klasse Erich Huber, der die Supplierung Albert Paris Güterslohs
übernommen hat.
Thomann zieht in eine Garconniere in der
Joanelligasse im 6. Wiener Bezirk ein.
Bei der Herbstausstellung der Akademie,
die am 24. November 1963 eröffnet wird, stellt Georg Thomann erstmals ein Bild
öffentlich aus, die Kohlezeichnung Kennedy Blast.
Im Dezember 1963 tritt ThomAnn gemeinsam
mit seinem Klassenkollegen Gerold Wagner der Kommunistischen Partei
Österreichs bei.
1964
Thomann und Wagner verfassen drei
politische Manifeste („Unseres ist das Recht“, „Was Ihr nicht möget
wissen“ und „Zu Beginn der Anfang“), die sie vervielfältigen und an
Studenten und Professoren der Akademie verteilen. Sie erhalten eine Rüge von
Rektor Herbert Böckl.
Thomann schreibt im Februar 1964 einen
offenen Brief an das Zentralkommitee der KPÖ, der in der Parteizeitung Weg
und Ziel abgedruckt wird. Darin fordert er die vorzeitige Einberufung des
19. Parteitags und die Neuwahl des gesamten Parteivorstandes. „Die
BesChlüsse des 18. Parteitags dienen heute nur mehr als Ohrensessel, in den
sich das ZK bei Bedarf zurücklehnt. [...] Weg mit Euch! Jeder wäre besser, holt
meinetwegen Muhri!“ (Weg und Ziel, 21. März 1964)
Er erhält auf sein Schreiben keine
Antwort.
Bei einer Versammlung von Parteifreunden
im April 1964 zettelt Gerold Wagner eine Prügelei an und nennt die Wiener
Kommunisten eine „Nazi-Bagage“. Er wird aus der Partei ausgeschlossen.
Thomann zeigt sich von der Unmöglichkeit, in Wien einen „sorglos-jugendlichen
politischen Diskurs“ zu führen, enttäuscht und tritt ebenfalls aus dEr Partei
aus. Seine öffentlichen Aktionen, die meist die Verteilung schriftlicher
Mitteilungen in Form von Flugzetteln und kleinstformatigen Zeitschriften sind,
will er von nun an als unpolitisch im Sinne der KPÖ verstanden wissen.
Anlässlich der Eröffnung des Donauturms
am 16. April 1964 versucht Thomann, Kopien eines Aufsatzes mit der Überschrift „Über
die Türme hinweg und in die Seele dieses Österreich“ an die Festbesucher zu
verteilen, woran er aber von einem Polizisten gehindert wird.
Ebenfalls im April schreibt Thomann einen
öffentlichen Brief (den er an Wiener Universitäten verteilt) an die Academy of
Motion Picture Arts and Sciences in Los Angeles. Er protestiert gegen den Verleih
des Oscars für den besten Film an „die My Fair Lady Scheiße“ und nicht
an Kubricks Weltkriegsgroteske „Dr. Strangelove“.
Am Abend des 19. Juni 1964 verteilt
Thomann in der Kärntnerstraße in Papier gewickelte Zwiebeln an männliche
Passanten. Auf den Zetteln steht: „Hans Moser ist gestorben und Sie haben es
nicht bemerkt. Gehen Sie heim. Ihre Frau weint.“
Sein erstes Jahr an der Wiener Akademie
lässt Thomann künstlerisch völlig unbefriedigt zurück.
„Der einzige Nutzen, den
ich aus der Akademie ziehen konnte, war glaube ich die dort gewonnene Übung im
Schnellzeichnen und im detailgenauen Kopieren alter Meister. [...] Ich
veranstaltete wahre Zeichenwettbewerbe mit den Mädchen in meiner Klasse. Sonst
kann ich mich an nichts erinnern, was ich dort gelernt haben sollte.“ („profil“
Nr. 11/1988)
Nach Ende des zweiten Semesters
entschließt er sich, seine Eltern in Vorarlberg zu besuchen, die er nun ein
Jahr lang nicht mehr gesehen hat, und mit denen er auch keinen Briefkontakt
pflegt. Nach drei Julitagen in Bödele fährt Thomann wieder ab in Richtung Wien.
„Es war natürlich die Katastrophe, die ich mir erwartet hatte. Es gab keine
Gespräche mehr, nur mehr Geschrei. Was meine Mutter betraf, Gegacker. Ich
schwor mir selbst, nie wieder Vorarlberger Boden zu betreten.“ („Plex
World“, 3/1982)
Zurück in Wien verbringt Thomann den
Großteil des Sommers mit seiner Klassenkollegin Tini Hergovic. Zu Beginn des
Schuljahres 1964/65 zieht er bei ihr ein. Hergovic bewohnt die Wohnung ihrer
verstorbenen Großmutter am Lobkowitzplatz im 1. Wiener Bezirk. Schon nach
wenigen Wochen bricht Thomann die von ihm als sexuelle Wohngemeinschaft
interpretierte Beziehung ab, nachdem ihm Hergovic einen Heiratsantrag macht.
Nach Beginn des zweiten Studienjahres,
als er zum ersten Mal einen auf ihm lastenden künstlerischen Produktionszwang
spürt, weiß Thomann, dass er auf keinen Fall an der Akademie bleiben möchte. Am
12. November 1964 fährt Thomann mit dem Zug nach Berlin. Er hat kein Gepäck bei
sich.
Thomann hofft in der Wohnung von Verwandten
Wagners unterzukommen. Dies klappt vorerst nicht. Thomann schreibt einen Brief
nach Wien, erst nach zwei Wochen Obdachlosigkeit kann er die Wohnung beziehen.
Thomann trifft bei einem Konzert den
Fotografen Bert Randow. Thomann zieht zu Randow und seiner Freundin Britta
Schlosser in deren Wohnung.
1965
Es entwickelt sich eine Dreiecksbeziehung
zwischen Randow, Schlosser und Thomann.
Thomann wird durch die hochgradig
politische Stimmung in Berlin angeregt („Das Wiener Loch hab ich hinter mir“),
die meiste Zeit nützt er dazu seine „gewonnene Freiheit“ auszukosten.
Am 2. April 1965, anlässlich der Europa
Center Eröffnung, setzt Thomann seine Kunst der literarischen Öffentlichkeit
fort. Er teilt Matrizenkopien der Kurzgeschichte „Und der Bürgermeister geht
eislaufen“ aus.
Thomann verbringt den Großteil der Zeit
mit Randow und Schlosser. Die Beziehung zerbricht jedoch Anfang Juni 1965.
Thomann bleibt dennoch bis 1967 in der Wohnung.
20. Juni 1965: Aktion „Ordentlich
durchnageln, Strammwade“. Thomann versendet illegal erworbene
pornografische Magazine, die er mit einem falschen Titelbild versieht, an
verschiedene Berliner Persönlichkeiten. Das Titelbild zeigt Konrad Adenauer.
Zahlreiche Untergrund-Magazine (u.a. „Knallkopf“)
beziehen sich auf die Aktion.
15. September 1965: Rolling Stones
Konzert Waldbühne Charlottenburg, 85 Leute werden festgenommen. Thomann wird
bei den Krawallen von Polizisten verprügelt, verletzt aber nicht festgenommen.
Thomann schreibt sein „Essay über den
Aufschlag“.
1966
Thomann verbringt viel Zeit in
politischen Kleinkommunen, lernt unter anderem Udo Kühn („K1“) kennen.
Die meiste Zeit widmet er jedoch der „fotografischen
Archivierung der Revolution“ (Thomann 1999 in „de:bug“).
5. Februar 1966: Etwa tausend Personen
beteiligen sich an einem Protestmarsch gegen das Engagement der USA in Vietnam.
Nach der Kundgebung ziehen rund 200 meist studentische Demonstranten zum
Amerika-Haus in der Hardenbergstraße in Charlottenburg. Nachdem sie zunächst
ein Sit-in veranstaltet haben, bewirft eine Gruppe (unter anderem Thomann) das
Gebäude mit Farbbeuteln. Die Polizei bildet einen Schutzring um das Haus und
treibt die Demonstranten auseinander.
Thomann lernt die Studentin Loli Wenders
kennen. Sie verbringen viel Zeit miteinander.
Im April entschließen sie sich zu einer
Berlinrundwanderung. Mit einem alten Zelt wandern sie die Grenze zur DDR
entlang.
Thomann schreibt den Artikel „Rundgang
am Anfang der Welt mit einem Hauch Ende“.
Nach studentischen Demonstrationen vor
einem Kino am Kurfürstendamm wird der dort am 2. August 1966 angelaufene Film
»Africa Addio« nach kurzer Spieldauer abgesetzt. Die Protestierenden werfen dem
Film vor, Kolonialismus und Rassismus zu verherrlichen.
Thomann verteilt Flugzettel zur „Rassenlehre“.
Am 11. Dezember 1966 kommt es erneut zu
Zusammenstößen zwischen Studenten und der Polizei bei einer Demonstration gegen
die amerikanische Vietnampolitik. Vor dem Bundeshaus in der Bundesallee löst
die Polizei die Kundgebung auf, da die Demonstranten von der genehmigten Route
abweichen. Bei der Abschlussveranstaltung am Wittenbergplatz gibt es weitere
Auseinandersetzungen. Die Polizei geht mit Gummiknüppeln vor.
1967
Im Mai 1967 fährt Thomann gemeinsam mit
dem ehemaligen Kommunarden Udo Kühn nach Paris, von wo aus dieser Drohbriefe an
Büros bundesdeutscher Regierungsmitglieder abschicken will. Sie wohnen für
einige Wochen bei der Journalistin und Soziologie-Studentin Isabelle Rascot,
die ein Jahr zuvor die „Kommune 1“ im Auftrag ihrer Zeitung „L’Humanité“
besucht hatte. Thomann und Rascot verlieben sich ineinander, und nach Kühns
Abreise ziehen die beiden zusammen in eine größere Wohnung in der Rue Faidherbe
im elften Arrondissement.
„Berlin und Paris [...],
das verschwamm für mich schließlich in der Figur Isabelles. Ihre Großeltern und
ihre Mutter waren Berliner gewesen, ihr französischer Vater war ein hoher
Beamter im Pariser Rathaus. Wenn sie mich durch die Straßen führte und mir in
deutscher Sprache die französische Politik erklärte, das war die Verschmelzung
aller meiner damaligen unschuldigen Interessen - Reisen, Kunst, Politik und
Liebe - in einer Person.“ (Thomann in Télérama Nr. 346/1989)
Thomann tritt der PCF, der
Kommunistischen Partei Frankreichs, bei, in deren Pariser Sektion Rascot
bereits ein anerkanntes Mitglied ist, nicht zuletzt aufgrund ihrer Artikelserie
in „L’Humanité“, in der sie täglich einen Grund mehr ausführt, warum der
nord-vietnamesische Kampf von der französischen Regierung ideologisch und mit
Waffen unterstützt werden sollte.
Durch die Vermittlung Isabelle Rascots
erhält Thomann im Juli 1967 gemeinsam mit vier anderen jungen Künstlern den
Auftrag, die von der PCF angekaufte „Galerie des cent ans“ im Quartier
Latin mit explizit „politischen“ Installationen einzurichten. Die Ausstellung,
die den Titel „Le dieu inconnu“ („Der unbekannte Gott“) trägt,
besteht aus zerschlagenen steinernen Heiligenfiguren, deren Körperteile sich zu
einem Geschwader von amerikanischen Bombern zusammenfügen. Thomanns erster
künstlerischer Auftritt in Paris sollte ein Big Bang werden.
Sein heimlicher Beitrag besteht darin,
nächtens und unerkannt die Skulpturen Stück für Stück aus der Galerie zu
tragen, um sie in der Wohnung einer Bekannten im Nachbarhaus zu deponieren. Die
leergewordenen Stellen müssen von Thomanns Kollegen immer wieder mit neuen
Kunstwerken aufgefüllt werden.
Nach zwei Wochen ruft die PCF die Pariser
Polizei zu Hilfe, die nun die Galerie - allerdings nur tagsüber - überwacht.
Bis zum Ende der Ausstellung werden über hundert Besucher vorübergehend
festgenommen im Verdacht, der geheimnisvolle Kunstdieb zu sein. Einige
Nachahmungstäter, die tatsächlich Teile der Installation bei sich tragen,
werden zu hohen Geldstrafen verurteilt. Schließlich entschließt sich die PCF,
die Galerie zu schließen, die Installation wird wieder abgebaut.
Eine Woche später aber steht das
Arrangement fast zur Gänze wieder - Thomann hatte die gestohlenen Teile aus der
Nachbarwohnung herbeigeschafft und erneut in der Galerie aufgestellt. Über den
gesamten Boden hatte er eine Nachricht an seine Parteifreunde geschrieben: „PCF
= Parti des Cul-Fuckers!“ („Partei der Arsch-Ficker!“) und mit „Le
dieu inconnu“ unterschrieben.
Als bekannt wird, dass Thomann die Aktion
mit seiner Freundin Isabelle und Teilen der Redaktion von „L’Humanité“
abgesprochen hatte, um nicht selbst von der Presse verdächtigt zu werden,
werden beide aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen.
Die französische Kunstkritik reagiert auf
die Enthüllung enthusiastisch:
„Georg Thomanns
künstlerisches Unternehmen beansprucht die Demontage persuasiver Shibboleths
wie sie sowohl im akademischen Kunstbetrieb als auch in alltäglicher
Handwerkskunst auftreten. Die Kunst des Alltags ist niemals neutral; sie trägt
die Präsuppositionen und kulturellen Assumptionen einer langen Tradition in
sich. Gleichzeitig resultiert die kritische Auseinandersetzung der
philosophischen Basis dieser Tradition in einer neuen Betonung der
individuellen Autonomie und Kreativität des Künstlers/Interpreten/Philosophen.
Vielleicht ist dieses anti-populistische und trotzdem anti-aristotelische
Element Thomanns wichtigster Beitrag zum Kunstgedanken der Post-Hiroshima-Ära.“ (Sophie David, „L’objet d’art“ 26/1968)
Eine seiner wichtigsten Bekanntschaften
in Paris wird Jean-Noel Picq, den er im September 1967 bei einer Begräbnisfeier
für den im 80. Lebensjahr verstorbenen Franqois-Maurice Eberl, einen jüdischen
Maler aus der „Ecole de Paris“, anspricht. Picq erinnert sich in Jean
Douchets Sechziger-Jahre-Rückblick „Jusqu’au mois de Mai“ (ed. Seuil
1978, deutsch: Von März bis Mai, Wagenbach 1979):
„Meiner Kurzsichtigkeit
und damaligen Eitelkeit, bei öffentlichen Anlässen keine Brille zu tragen,
verdanke ich es, Georg [...] kennengelernt zu haben. Georg war damals knapp
über 20 und hatte mich bei einer Party offenbar erkannt. Er begrüßte mich mit
grobem deutschen Akzent, aber sehr höflich: ‚Guten Tag, Herr Picq. Wie geht es
Ihnen?‘ Ich erkannte in ihm aber Jürgen Hensbach, von dem ich wusste, dass er
mit einigen seiner Bochumer Kollegen gerade ein Gastspiel am T. N. P. gab,
weniger am Gesicht als an diesem schwerfälligen und schlampigen Akzent.
Trotzdem wunderte ich mich über seine eigenartige Reserviertheit, also sagte
ich, noch immer im festen Glauben, Hensbach stünde vor mir: ‚Seit wann siezen
wir uns denn?‘ und küsste ihn. Seit diesem Zeitpunkt sind Georg Thomann und ich
also Duzfreunde.“
Thomann 1991 über Picq:
„Wenn ich heute an Picq
denke, sehe ich noch immer diese fette Kröte mit Brille, wie sie - hinter einen
Tisch im Café Flore gezwängt - mit ihren kurzen Ärmchen einen Cognac nach dem
andern in sich einwirft. Wenn er mit dir sprach, schmiss er sich ganz nah an
dich ran, er wollte deine Begeisterung für alles was er sagte, sofort spüren.
Er erklärte und erklärte, manchmal saßen wir zu zehnt um ihn herum, dann schnappte
er ein Thema aus der Luft, eben wie eine Kröte eine Fliege schnappt, und
grunzte stundenlang. Es war einschläfernd, aber glorios. [...] Heute sitzt Picq
noch immer im Flore, einmal jede Woche, allerdings mit Lycée-Schülerinnen,
denen er die Welt der Operette erklärt. Das ist kein Witz, das stimmt!“ (Junge Welt,
3. September 1991)
1968
Den besonders kalten Winter 1967/68
verbringt Thomann fast zur Gänze in den Cafés von St.-Germain-des-Près und in
Nachtklubs. „Unsere Wohnungen zu heizen kam uns zu teuer. Also trafen wir
uns jeden Tag schon zwischen zwei und drei, den ganzen Nachmittag diskutierten
wir im Flore oder im Deux Magots und tranken Kaffee und Cognac. Isabelle und
ich, Pierre Alechinsky und Charles Lapicque, deren Gemälde ich damals verabscheute,
die beiden Alten Picq und Douchet, die himmlisch schöne Irina Lhomme, Blandine
Jeanson, natürlich Jacques Renard und noch einige mehr. Renard habe ich Mitte
der Achtziger wiedergesehen, da begann er gerade, sich für AIDS-Kranke zu
engagieren, machte ein paar Filme zu dem Thema, die mich sehr beeindruckten.“
(„PNG“, 1992)
Während Isabelle Rascot die meisten
Winternächte in den Redaktionsräumen ihrer Zeitung verbringt, zieht Thomann für
gewöhnlich durch die Nachtklubs des Montparnasse oder des Bastille-Viertels,
meist in Begleitung Jacques Renards. Seine nächtlichen Bekanntschaften führen
zu einer vorübergehenden Trennung von Rascot („Sie war eine wunderbar
konsequente Bourgeois-Kommunistin, beim ersten Seitensprung musste ich raus.“)
im Januar 1968. Thomann zieht für einen Monat zu Renard, Anfang März kehrt er
jedoch wieder zu Rascot zurück.
Im März 1968 besucht Thomann an der
Universität Nanterre eine Podiumsdiskussion mit Michel Serres, Jacques LaDalle
und Victor Krylov. Er schreibt daraufhin gemeinsam mit Rascot einen Einakter,
der denselben Titel trägt wie die Diskussion der Soziologen: „La fraction de
la structure.“ In diesem Stück sollten zwei Schauspieler so lange unerkannt
im Publikum sitzen bleiben, bis mindestens die Hälfte der Gäste aus Ärger
wieder gegangen war. Erst dann würden die Akteure aufspringen, die Bühne
erklimmen und die Sitzengebliebenen für ihr Verhalten abwechselnd beschimpfen
und loben.
Jean-Noel Picq, dem er das Manuskript
vorlegt, lehnt eine Umsetzung nach den Unruhen im Mai 1968 zwar ab, er ermutigt
Thomann und Rascot allerdings, eine cinematografische Kurzfassung des Stückes
zu schreiben. Dieses realisieren Picq und Jean Douchet schließlich als
dreiminütige Episode innerhalb des von Jean-Luc Godard und Chris Marker initiierten
Kurzfilmprojekts „Cinétracts“ (1968).
Am Abend des 28. März 1968 schließen sich
Thomann und Rascot einem Zug Studenten aus der „Bewegung 22. März“ an,
der sich auf dem Weg zu einer pro-amerikanischen Ausstellung der rechten
Studentengruppe „Mouvement Occident“ befindet. Dort angekommen werden
die Exponate der Ausstellung minutiös auseinandergenommen und die
Räumlichkeiten in einen unbenützbaren Zustand versetzt. Gemeinsam mit 14
anderen Studenten aus dem „Mouvement du 22 mars“ wird Thomann für eine
Nacht in polizeilichem Gewahrsam gehalten. Isabelle Rascot ist vor Eintreffen
der Polizei bereits heimgegangen.
Ende April erkrankt Thomann an einer
Hirnhautentzündung und muss die folgenden zwei Monate im Krankenhaus
verbringen.
Den Studentenaufstand im Mai 1968 erlebt
er vermittels aufgeregter Erzählungen seiner Freunde. Er nützt die freie Zeit
zur Bearbeitung von „La fraction de la structure“ und schreibt
Leserbriefe an französische und deutsche Zeitungen.
In einem Brief an die Frankfurter
Rundschau vergleicht er sein Leiden mit dem Frankreichs: „Bald ist alles
wieder vorbei und ich werde mich erholen so wie Frankreich sich wieder erholen
wird. Und wenn man in einem halben Jahr mich fragen sollte ‘Wie ist das
Befinden’, so werde ich in sattem Ton antworten können, ‘besser als je zuvor’.
Ich habe Cohn-Bendit im Fernsehen gesehen und habe ihn ausgelacht. Alles was er
sagte, war richtig, und doch wußte ich: Mein unerbittlicher Heilungsprozeß wird
ihn stoppen.“ (Frankfurter Rundschau, 21. Mai 1968)
Nachdem sie eine Woche lang vermisst bleibt, wird Isabelle Rascot am 1. August 1968 von der Polizei tot aufgefunden. Ihr mit Decken verhüllter Leichnam liegt am Rücksitz eines Autos, das bereits drei Tage lang in der Rue St. Jacques nahe dem Panthéon im Halteverbot steht - wenige Meter von dem Hotel entfernt, in dem Thomann gelegentlich übernachtet, wenn ihm der Weg heim in die Rue Faidherbe zu weit ist. In ihrem Blut können geringe Mengen an Heroin festgestellt werden sowie eine Überdosis an Schlaftabletten. Da kein Abschiedsbrief gefunden wird, zweifelt Georg Thomann allerdings an der Selbstmord-These der Polizei.
Vierzehn Jahre später wird Rascots
Todesfall in Verbindung mit Geheimpapieren des amerikanischen Dokumenten CIA
neu aufgerollt, denen zufolge eine Beobachtergruppe des CIA seit dem Jahr 1968
Pariser Intellektuellenkreise überwacht haben soll. Rascots begeisterte
Berichterstattung über die Black-Panther-Bewegung in „L’Humanité“ und
die Tatsache, dass das Auto, in dem sie gefunden wurde, von seinem Besitzer nicht
vermisst wurde, geben Anlass zur Spekulation, dass Rascot vom CIA unter Drogen
gesetzt, verhört und anschließend - wobei ihr Tod in Kauf genommen wurde - auf
der Straße abgestellt worden war.
Georg Thomann lässt nach Isabelles Tod
seine Pariser Umgebung zurück und verbringt den August 1968 in Marseille und
bei Freunden in München. Herbert Meiseneder und Paul Lumbach, die Thomann von
seiner Zeit an der Akademie in Wien kennt und die in München ein Musikstudio
eingerichtet haben, regen ihn an, sich wieder vermehrt mit den Möglichkeiten
der elektronischen Musikaufzeichnung und ihrer künstlerischen Bearbeitung zu
beschäftigen.
Zurück in Paris wendet sich Thomann
allerdings zunächst der Malerei zu. Er zieht aus der Wohnung Rue Faidherbe aus
und richtet sich ein weiteres Mal bei Jacques Renard ein.
Nach wenigen Wochen zieht er zu einer
seiner Freundinnen aus dem Café Flore, Blandine Jeanson. Diese hat im Quartier
Latin eine Kommune eingerichtet in der Wohnung, die ein Jahr zuvor Jean-Luc
Godard als Filmkulisse für „La Chinoise“ (worin Jeanson sich selbst
spielen durfte) gedient hatte. Zwischen fünf und zwölf Leute, die meisten junge
Film- und Theaterschauspieler, bewohnen das weitläufige Dachgeschossdomizil. „Das
einzig Positive war, dass niemand etwas zahlen musste, um da wohnen zu dürfen.
Die Produktionsfirma hatte nach Ende der Dreharbeiten offenbar vergessen, die
Mietzahlungen abzustellen.“ (Thomann in Junge Welt, 3. September
1991)
Während Thomann mit Jeanson eine
„künstlerisch-sexuelle“ Beziehung unterhält, beginnt nun eine etwa einjährige
intensive Phase der Malerei und der Fotografie. In wenigen Monaten malt er von
seiner Feundin hunderte hypernaturalistische Porträts, die er anschließend
fotografiert und verbrennt. Die großformatigen Abzüge der Fotografien verkauft
er an diverse Kunsthändler.
Nach drei Monaten, an Weihnachten 1968,
verlässt Thomann die Kommune wieder und trennt sich von Jeanson.
„Verglichen mit dem, was
ich in Berlin erlebt hatte, sah mir das Pariser Kommunenleben eher wie das in
einer Nonnenschule aus. Politisch war das natürlich ähnlich, Mao-Bibel und so,
aber die Leute wollten eher lange und gemeinsam frühstücken als miteinander ins
Bett. Man fickte heimlich.“ (Junge Welt, 3. September 1991)
1969
Im Januar 1969 bezieht Thomann wieder
sein Zimmer bei Jacques Renard. Sein Interesse am gesellschaftlichen und
künstlerischen Leben in Paris geht zurück.
„Es war klar, daß man
zwangsläufig nach Deutschland blicken mußte. Kaum war das Jahr 1969
angebrochen, hatte man in Paris alles vergessen, was mit 1968 zu tun hatte. So
lächerlich der Mai 68 war, so traurig war ich doch über die Überheblichkeit,
mit der die Pariser nachher damit umgingen, mit sich selbst umgingen. Mir kam
vor, sie schämten sich. Aber in Berlin, München, Hamburg, da schien der Damm
noch nicht gebrochen, da staute sich noch immer alles, mit den Gedanken war ich
schon längst dort.“ (Jungle World, Nr. 33/1998)
Im Frühjahr 1969 dreht Thomann mehrere
kleine Filme, politische Statements zur Lage in Deutschland und in den USA, meist
mit sich selbst als Protagonist.
„Als Hommage gedacht“, wie Thomann
später sagt, ist sein Film „Grußbotschaft an Harun Farocki und Holger Meins“:
In Anlehnung an Farockis Anti-Vietnamkriegs-Manifest, in dem man diesen sieht,
wie er nach der Lektüre eine Zigarette am Handrücken sich ausdämpft, trägt
Thomann in seinem Film ein Manifest gegen die Zigarettenindustrie vor und
vernichtet abschließend eine Zigarette, indem er sie raucht.
In dem Film „Lettres d’une sœur qui
pète les plombs“ liest einer seiner Freunde, der Maler Charles Lapicque,
Briefe seiner in Amerika lebenden Schwester vor, in denen diese den
amerikanischen Präsidenten gegen die Angriffe ihres Bruders verteidigt.
Anlässlich dieser Begegnung verlieben
sich Georg Thomann und Charles Lapicque ineinander. Thomann zieht im April 1969
in Lapicques Atelier ein, wo er seine Mal- und Fotografie-Experimente
fortsetzt, mit seinem neuen Freund als Modell anstelle Blandine Jeansons. „Was
ich von Charles lernte, war die Liebe zu in ihrer Intensität jeder
Natürlichkeit spottenden Farben und vor allem den Mut zur Fläche.“
Im April beginnen Lapicque und Thomann
auch die Arbeit an dem großformatigen Doppelporträt „L’amant nu l’amant
flottant“, das Thomanns bekanntestes Werk als Maler werden sollte. Tag für
Tag, über Monate hinweg, stehen sie einander im Atelier gegenüber und malen.
Die Porträts werden mehrmals verändert und niemals fertiggestellt. Im Oktober
1969 werden beide Bilder vom Kunsthändler Henri Rosencrantz um 32.000 Francs
angekauft und später im „Musée national d'Art Moderne“ im neueröffneten Centre
Beaubourg ausgestellt, in dessen Sammlung sie sich noch heute befinden.
Ende Juli 1969 muss Thomann in mehreren
Zeitungen lesen, er habe vor der US-Botschaft in der Avenue Gabriel anlässlich
der amerikanischen Mondlandung am 20. Juli zehn das Live-Bild übertragende
Fernseher zertrümmert („Stop the Buzz“). Noch am selben Tag wird er
aufgrund dieser Meldungen wegen nächtlicher Ruhestörung festgenommen. Thomann
bestreitet bis heute, mit dieser Aktion etwas zu tun gehabt zu haben, doch ist
anzunehmen, dass er, wenn auch nicht Ausführender, so doch einer der Planer der
Zertrümmerung gewesen sein dürfte. Aus Mangel an Beweisen wird er jedoch noch
am selben Tag freigelassen.
Trotz seiner tief persönlichen Hinwendung
zur Malerei beschäftigt sich Thomann während des Sommers 1969 wieder mehr mit
Musik und versucht, an seine Erkenntnisse aus dem Monat in München anzuknüpfen.
„Was ich noch nicht
wußte, war, wie man Musik glaubhaft archivieren konnte, ohne in Verdacht zu
geraten, ein Schwindler zu sein. Was mich am Akustischen faszinierte, war ja
immer seine Flüchtigkeit gewesen. Ich erkannte, daß man dem Schwindel entging,
wenn man Musik elektronisch produzierte, wenn also die Archivierung sozusagen
jedem Klang vorausging, ihn erst ermöglichte. Wenn jedes Abspielen eigentlich
ein Auflisten ist, ein Auflisten an Möglichkeiten. Gleichzeitig der Tod jeder
Intuition, eine Kampfansage an den Mythos der menschlichen Kreativität.“ (Quelle: „Dagegen
- dabei. Texte, Gespräche und Dokumente zu Strategien der Selbstorganisation
seit 1969“, Dany, Hans-Christian; Dörrie, Ulrich; Sefkow, Bettina (Hg.),
Edition Michael Kellner, Hamburg 1998)
Mit einem Theremin und einem geliehenen
Moog-Synthesizer nimmt Thomann im Oktober 1969 unter dem Pseudonym „Lautrec
Tech“ die Tonbandreihe „Amour“ auf, deren drei Teile in einer
Mischung aus Sprache und Musik das Aufkeimen, die Verzweiflung und den Tod der
Liebe beschreiben. Obwohl das Tonstück seinem Freund Lapicque gewidmet ist,
gerät die bis dahin glückliche Beziehung durch Thomanns abstrakt formuliertes
Statement zum Tod der Liebe aus den Fugen.
Anfang November: Thomann malt das
fotorealistische Gemälde „Anna“, das Porträt einer fiktiven
Jugendlichen, die verstört in einem Stapel Kelloggs-Cornflakes-Packungen liegt.
Nachdem Charles Lapicque die Beziehung
beendet, um zu seiner Schwester nach Los Angeles zu gehen, entschließt sich
auch Thomann, Paris endgültig den Rücken zu kehren. Zum Großteil seiner Pariser
Bekanntschaften hatte er im Verlauf des Zusammenlebens mit Lapicque jeden
Kontakt verloren.
„Ich stieg in den Zug
und niemand kümmerte sich darum. Paris war ausgeblutet und kalt, 1968 war vor
Jahrzehnten.“
Einzig seine finanzielle Lage ist durch
den Verkauf verschiedener Gemälde zum ersten Mal in seinem Leben beruhigend, ja
geradezu rosig. Am 23. November 1969 kommt Thomann in München an.
Thomann bietet „Amour“ dem Bayrischen Rundfunk an. Die Bänder werden abgelehnt. Thomann wird jedoch Anfang Dezember 1969 freier Kulturrezensent des BR und lernt den Bildhauer Heiner Gerhardt kennen.
Günter Brus und Oswald Wiener gehen ins
Exil nach Berlin, Rudolf Schwarzkogler begeht Selbstmord. Thomann schreibt die
Kurzgeschichte „Brus Sel“, eine Totenrede für Schwarzkogler.
1970
12. Januar 1970: Happening „Kurs:
Kunst“. Thomann fährt mit einem Spielzeugtraktor im Kreis, angebunden an
eine zentrale Stange. Die Aktion muss abgebrochen werden, nachdem sich der
Traktor mehrmals löst und kippt. Zwei Passantinnen werden verletzt. Thomann
wird vorübergehenden in polizeilichen Gewahrsam genommen. Die Aktion wird wegen
ihrer „lächerlichen Metaphorik“ (das Schweizer Kunstmagazin „du“/2-70),
aber auch der „Verharmlosung des proletarischen Kampfes um die Emanzipation der
Geknechteten in aller Welt“ („Theorie und Praxis“) kritisiert.
Ende Januar 1970: Entwicklung einer
Dreiecksbeziehung zwischen Thomann, Bernward Vesper und der jungen
Schriftstellerin Gudrun Nabermeyer. Nabermeyer schreibt Thomann im Februar 1970
einen Brief: „ich werde jetzt eine zeitlang weg sein“ und geht in den
politischen Untergrund. Vermutlich versucht Nabermeyer Kontakte zur RAF zu
knüpfen, dies ist aber nicht bestätigt.
März 1970: Besuche in diversen Kommunen
(z. B. der Freudenhof Nürnberg; Agrarkollektiv Deggendorf, etc.)
„Der Tagesablauf in den
Kommune bestand aus: sich lustig machen über aktuelle Highlights der
Wichtelgesellschaft, übelste Manifeste entwerfen, Dreharbeiten für
Aktionsfilme, herstellen von Agitationsmaterial, Fotomappen und Siebdrucken,
Tourneen organisieren, Partys zu Musik von Jimi Hendrix, langen Gesprächen über
Kunst, Psychoanalyse, Wilhelm Reich, Anarchismus und die zukünftige
Kommunengesellschaft. Dann Sex in Gruppen oder zu zweit, eher selten allein
(ego).“ (Thomann in einem Interview für Art Forum, 3/89)
Thomann verwirft den Kommunengedanken.
Er arbeitet an einem Super-8-Loop-Film
Projekt („8 mal 8 ist 88“) für „The First International Underground Film
Festival“ in London.
Versöhnung mit „Trinkkumpan Vesper“
(Thomann in einem Interview für „Art Forum“, 3/89). Vesper schreibt: „(‚Bauer’)
Unsere Sprache, Sprache der Herrensöhnchen, ‚Du bist ein Prolet’, ‚Benimm dich
nicht so proletenhaft’, die Herrscherklasse und ihre Ideologie hält dafür, daß
die Söhne von vornherein die richtige Einstellung zu den künftig zu Beherrschenden
erhält. Als ich CMB (d. i. G. P. Thomann, vgl. „Vesper und die
Deutschen“ von Peter Manther) am Schwanz packte, sagte er‚ Du bist ein
Bauer’ und drehte sich auf die Seite.“ (Vesper, „Die Reise“)
15. März 1970 veröffentlicht Thomann
Artikel im Münchner Underground-Magazin „fudd“ (Augabe #3). Selbstkritik an
religiöser Implikation seiner Arbeiten, speziell „Der unbekannte Gott“,
zugleich positive Rezeption Adornos: „Die Transformation des Dualen, im
binären Gefangenen darf keine Transzendentalphantasie, keinen ‚Begriff des
Sinns’ mehr enthalten ‚als Refugium der verblassenden Theologie’, wie Adorno
sagt.“
In „fudd“ #4 rezensiert Thomann Susan
Sontags 1967 erschienenen Text „The Esthetics of Silence“. Er zitiert sie: „Der
Künstler, der Schweigen oder Leere schafft, muß, wenn auch nur deshalb, weil
das Kunstwerk in einer mit vielen anderen Dingen ausgestatteten Welt existiert,
etwas Dialektisches hervorbringen: eine volle Lücke, eine bereichernde Leere,
ein tönendes oder beredtes Schweigen.“ (Sontag, The Esthetics of Silence,
in: „Aspen Magazine“ 5-6 [1967]; zit. n.: Chaos, Wahnsinn, 80) und ruft zum
Boykott ihrer Schriften auf.
April 1970: Gründung des
Gemüse-Gaga-Orchesters (mit den Mitgliedern von Amon Düül), das Gemüse und
andere Nahrungsmittel auf der Bühne rituell bespielt und vernichtet - „auf
daß niemand mehr mit Pflanzen Kunst mache!“, wie er in einem Leserbrief an
das Hippie-Magazin „Dunst“ schreibt. Titel: „Kant hoch zwei“. Auch die
Blumenbilder von Warhol („Botaniker“) werden nicht verschont.
Thomann fährt nach Hamburg, als er
erfährt, dass Beuys Warhol für eine Podiumsdiskussion gewonnen hat. Eklat bei
der Veranstaltung: „Dem müßte man fest in die Eier hauen!“.
„Warhol war häßlich und
seelisch kahl.“ (Thomann)
(Anm. Fritz Ostermayer: Trio nehmen den
Streit zehn Jahre später auf ihrem ersten Album „Trio“ wieder auf mit der
Nummer „Los Paul, du mußt ihm fest in die Eier haun!“)
In einer Stellungnahme (23. April 1970)
vergleicht sich Thomann mit den „Hollywood-Ten“ und organisiert am 29. April
1979 einen öffentlichen Schauprozess am Münchner Viktualienmarkt. Die
Geschworenen sind Drag Queens, als Ankläger fungiert der bis dato unbekannte
Wiener Rockmusiker Fredi Fender (ab 1978 Vocalist der Wiener Band „Mordbuben
AG“) in Polizeiuniform. Während des Plädoyers, das Thomann (abwechselnd in
Jesus- und Stalinkleidung) selbst hält, senkt sich ein Porträt Warhols von oben
herab, das „geharzt und verhascht“ wird (mit Gras beworfen); es wird
berühmt als „der längste Joint, der jemals außerhalb Vietnams geraucht
wurde“ (Georg Seesslen). Thomann wird verhaftet. Bei der
Gerichtsverhandlung ist Thomann auffallend ruhig. Er kommt für drei Monate ins
Gefängnis. Er liest Pasolini und Kim Il-Sung, den er für seinen
„expressionistischen Stil“ bewundert, und gibt sich den Beinamen „Weltliteratur“.
Aus der Haft schickt er aber regelmäßig
Briefe an die Gefängnisleitung, später auch an den sozialdemokratischen
Innenminister, in denen er sich über die „zahmen Haftbedingungen“ und
die „unglaubliche Schludrigkeit des Personals“ beklagt. „Burt Lancaster
hatte Alcatraz“, titelt er seinen ersten Artikel nach der Haft (im Hamburger
Szenemagazin „Lupo“), was ihm „würde er bedeutend sein, endgültig die
Ächtung der RAF gebracht hätte - oder zumindest Kritik aus der radikalen
Linken“ (fudd #8). Thomann schreibt nie wieder für „fudd“.
1971
Frühjahr 1971 kurzer Amsterdam-Aufenthalt
für den Bayrischen Rundfunk.
Thomann besucht „Sound = Sight. Three Audio Visual Projects“ im Stedeljik Museum.
Thomann schreibt eine nicht eben wohlwollende
Kritik (Schlusssatz des Berichtes: „Mich hätten sie einladen sollen.“)
Thomann ist im Mai 1971 zu Gast auf der
„Experimenta 4“, T.A.T. Frankfurt. Thomanns Installation trägt den Titel
„Positronengehirn“. Thomann lernt Valie Export kennen und bietet ihr seine
Hilfe für ihre Performance „Eros/ion“ an.
17. Oktober 1971: „Sun-Ra“-Konzert in
Donaueschingen. Dort Treffen mit Karl-Heinz Stockhausen, berühmte „Rasenszene“.
(„Es gab Zoff.“ – Thomann im Interview mit Martin Büsser/testcard)
Kontakt zum Dirigenten Krysztof
Penderecki.
Am 4. Dezember 1971 wird die erste
McDonald’s Filiale in Deutschland (Martin-Luther-Straße/München) eröffnet.
Gemeinsam mit dem Wiener Fleischhauer
Jirí Sukop schneidet er mit einer Kreissäge den Schriftzug von „McDonald’s“ aus
mehreren Rinderhälften und trägt diese mit Freunden in der Martin-Luther-Straße
auf und ab.
„Ich habe zuletzt in der
BRD meine Abrechnung mit der Natur, d.h. eigentlich den Pflanzen gemacht. Aber
Fleisch ist um nichts besser. Unsere Kühe bellen fürs Napalm über Vietnam, so
wie sie vorher für die B-52 über Korea gebellt haben; sie bellen für die USA,
sogar in Österreich und erst recht in der BRD bellen sie für die Amis in
Vietnam, fragen sie Jirí. Und auch die Arbeiter im Westen, vielleicht auf der
ganzen Welt, sie tun das gleiche; alle bellen sie für die Amis in Vietnam, und
auch für die Deutschen in Vietnam, und die Österreicher usw. Und auch die RAF
kämpft in Vietnam, und wenn sie Napalm hätten, dann würden sie auch das
einsetzen und ganz Deutschland entlauben, und dann wären sie endlich ... Kunst,
Theorie und Praxis in einem. In kunsthistorischer Dimension. Das wäre dann Kant
hoch drei. Vielleicht hoch n.“ (Radiointerview im Österreichischen Rundfunk)
1972
Am 27. Februar 1972 wirft Thomann vier
Kilogramm Pfeffer vom Münchner Olympiaturm. Er wird von der
Experimentalfilmerin Sandra Berchtold gefilmt („Serschant Pfeffer“/Berchtold
1972).
Thomann gestaltet die Diashow „Fettauge“
für das Münchner „Musik Dia Licht Film Festival“.
Am 30. Juni 1972 wird die „Documenta 5“
in Kassel eröffnet. Thomann ist (neben anderer Maler, etwa Charles Close)
eingeladen und soll sein Gemälde „Anna“ ausstellen. Dies geschieht allerdings
nicht: Womit Thomann im Zuge der fünften „Documenta“ endgültig bricht, ist die
Idee der Linearität, der Dichotomien, des dichotomischen „Weiter“, wie
es Diedrich Diedrichsen in seinem Buch „Sexbeat. 1972 bis heute“ beschreibt.
Ken Kesey kommt ins Spiel, den Thomann aus Tom Wolfes „The Electric Kool-Aid Acid Test“ kennt.
„Ich habe hier eben den
Redner gesehen, der vor mir hier oben stand … was er gesagt hat, konnte ich
nicht verstehen … aber den Ton hab ich noch im Ohr … und ich konnte hören, wie
euer Echo auf ihn zurückkam … und die Gesten konnte ich sehn … und ich konnte
sehn wie sein Kinn vorsprang … so … als Silhouette gegen den Himmel … und wißt
ihr, wen ich sah … und wen ich hörte? … Mussolini … Ich sah und hörte hier eben
Mussolini … vor ein paar Minuten … tja … ihr spielt denen ihr Spiel …“ (Ken Kesey)
Gottfried Bechtold konzipiert für die
„Documenta“ eine aufsehenerregende Konzeptkunst-Performance. Thomann betrachtet
Gottfried Bechtold Werk, reflektiert über seine eigenen Pariser Tonaufnahmen,
erkennt sie als Ideen des „Weiter“, sagt die Einladung zur „Documenta“ ab,
fährt aber dennoch nach Kassel. Thomann besucht jedoch kein einziges Mal die
„Documenta“. Thomann meidet die Ausstellungsorte (Museum Fridericianum,
Friedrichsplatz und die Neue Galerie).
Gottfried Bechtold stellt seinen Beitrag
unter das Motto: „Überwachung“, großer Bruder. Er geht den ganzen Tag, die
gesamte Dauer der „Documenta“ (100 Tage) in Kassel umher und lässt stündlich
über mehrere Lautsprecher seinen momentanen Aufenthaltsort durchsagen. Dazu
notiert er diese Durchsagen und sammelt sie sorgfältig in einem Ordner: „Herr
Bechtold hält sich derzeit am Marktplatz auf.“ Thomann, von Foucault
beeinflusst, sieht in Bechtolds Aktion die lächerliche Inszenierung der
Repräsentation. Weitere Kämpfe am Schauplatz der Dialektik scheint Thomann
nicht mehr gewillt auszufechten (die enttäuschende Begegnung mit Gudrun
Nabermeyer und das ihm unzugängliche Kommunendasein tragen dazu bei).
Didi Bruckmayr schreibt in einer Analyse
in Skug #4 (1991): „Thomanns Aktion bestand darin, Bechtold zu erreichen zu
versuchen, strikt an den Lautsprecherdurchsagen orientiert. Ohne konkretes
Ziel, dafür mit Aufnahmegerät und Tonbändern bepackt, um die eigene Suche
andauernd dokumentieren zu können. Leider sind die Tonbänder nicht zugänglich,
es ist daher unbekannt, wie diese Dokumentation vor sich ging und ob Thomann
auch eigene Kommentare und Beobachtungen sprach. Weiters ist nicht klar, ob er
sich nachträglich noch mit den Bändern beschäftigte und eventuell Kommentare
hinzufügte. Die Aktion mußte jedenfalls nach zweieinhalb Wochen abgebrochen
werden, am 3. August befand er sich, wie Heinz Karner notierte, wieder in
München. Grund war offenbar die enorme Last, die Thomann jeden Tag zu tragen
hatte.“
„Das einzige, was ich
dieser Gesellschaftsformation ankreide, ist, daß sie es mir nicht erlaubt, auch
die Geräte, mit denen ich ihre Simulativität beweise, virtuell/simulativ mit
mir herumzutragen“, sagt Thomann 1972 im einzigen bekannten Kommentar zu dieser
Aktion („Münchner Bote“). Sein Verschwinden, seine Nicht-Anwesenheit scheint
tatsächlich weitgehend lückenlos stattgefunden zu haben, jedenfalls sind keine
Berichte über die Aktion in der Literatur zu finden. Die Tonbandspulen sind
verschwunden.
„[...] Hier wird das
Motiv des Untertauchens, Verschwindens wieder erkennbar, das schon 1969 in
Paris mit seiner Aktion „Le dieu inconnu“ angetastet wird; die Frage der
(unmöglichen) Dokumentation des eigenen Verschwindens, Heinz Karner hat das
„klaustrophobisches Karies“ genannt: langsames Zerfressenwerden, aktiv
verweigerte Körperhygiene gewissermaßen. Um das nicht als Metapher stehen zu
lassen und damit einer Kulturkritik zu überlassen, die irgendwann wieder mit
der Forderung nach „Auftauchen“ kommen würde, gab es zwar keine Idee eines „Weiter“ mehr
- aber auch kein „Zurück“. Möglicherweise mag es Thomann in der
konkreten Situation nicht derart dichotom und konsequent erschienen sein, der
Bruch, begonnen in der Theorie, scheint retrospektiv betrachtet aber damit auch
persönlich endgültig gewesen zu sein. [...]“ (Quelle: RE-PLAY. Anfänge
internationaler Medienkunst in Österreich, Publikation der Generali Foundation)
August 1972 (vor allem als Reaktion auf
die Hysterie anlässlich der Olympischen Spiele) beginnen Peter Grabner
(Nürnberger Schauspieler), Jürgen Benedikt (Techniker beim BR) und Thomann an
der Arbeit für das Hörspiel „Edelhagen“. Erzählt werden soll die
Geschichte Kurt Edelhagens, des Komponisten der Swingmusik des großen „1972er
Einzug der Nationen“.
Der Überfall auf das Olympische Dorf
Anfang September verändert die Thematik des Hörspiels allerdings radikal. Das
Projekt „Edelhagen“ wird gestoppt.
Thomann wirkt im September 1972 bei
einigen Musikproduktionen im Umfeld von Cluster, Faust (bedient für einige
Live-Performances die präparierte Mischmaschine) und den zum Neo-Hippieismus
gewechselten Amon Düül II mit.
Thomann verdient sich etwas Geld mit
Sprecherarbeiten für Hörspielproduktionen für den Bayrischen Rundfunk. Diese
Tätigkeit verrichtet er anonym.
Oktober 1972: Grabner, Benedikt und
Thomann beginnen mit der Arbeit an „Molch“. (Ursprünglicher Titel „Keiner
Willy Brandt“)
27. November 1972: Ausstellungseröffnung
in der Münchner Galerie Roksa, Installations-projekt „Krakatau“. Thomann
verteilt Flugblätter, auf denen er erklärt, dass ihm „von nun an alles wurscht“
sei und er die Installation verschenke „an den Erstbesten der drüberstolpert“.
Tumulte vor der Galerie und ein kleines Foto in der Münchner AZ.
5. Dezember 1972: Fragebogen in der
„Zeit“. Thomann lobt Franz-Josef Strauß für dessen Haarschnitt. Erklärt, dass
er nie Kunst gemacht habe, nun aber damit beginne. Thomann verbietet sich
selbst auf unbestimmte Zeit die „Musikproduktion“.
10. Dezember 1972: Einladung nach Wien.
Thomann trifft bei einer Podiumsdiskussion mit dem Videokünstler Richard
Kriesche zusammen. Die Arbeiter-Zeitung schreibt: „Reger Gedankenaustausch
zwischen zwei, die sich darüber hinaus nichts zu sagen haben.“
1973
Januar 1973: Thomann, Grabner und
Benedikt beenden ihre Arbeit an „Molch“. Das mehrstündige Hörspiel wird
auszugsweise am 5. Januar 1973 im Bayrischen Rundfunk ausgestrahlt. Die
Kritiken sind mittelmäßig. „Fatales Unbekümmertsein und hoffnungslose Trägheit“
wittert etwa Gustav Kraner von den Salzburger Nachrichten.
Am 14. Februar 1973 stellt Thomann in der
Galerie Freisach, München, seine Skulptur „Das dritte Auge“ vor, eine
antik wirkende Frauenstatue mit Oszillator-Kopf. Während der Festrede der
Vernissage verursacht Thomann in seiner Skulptur einen Kurzschluss indem er
einen Eimer Olivenöl darübergießt.
Die FAZ werten diesen Akt als
„Ehrenrettung einer Geschmacklosigkeit“.
Thomann schreibt einen Artikel über die
Sioux in der Marburger Alternativ-Zeitschrift „Lepra“, denn am 1. März
besetzen einige hundert bewaffnete Sioux-Indianer den Ort Wounded Knee im
amerikanischen Bundesstaat South Dakota. Wo 1890 eines der letzten Massaker an
„Native Americans“ stattfand, protestieren Sioux nun gegen die Zustände in
ihren Reservaten.
Thomann beschließt den kritischen Text
mit der Ankündigung von situationistischen Aktionen in München. Er plant,
Flugblätter zu verteilen, auf denen die Passanten aufgefordert werden „Schmerzen
zu ertragen“, sie seien ja „Indianer“.
Thomann wird zur Ausstellung „Neue Medien
- Neue Methoden“, Randspiele Bregenz (die im Palais Thurn und Taxis, Bregenz
stattfinden soll) eingeladen. Unter anderem sollen Gottfried Bechtold, Heinz
Gappmayr, Taka Imura, Urs Lüthi, Fred Sandback und Franz Erhard Walther
ausstellen. Thomann lehnt ab. („Vorarlberg sieht mich nie wieder!“, zit. nach
Peter Kienast)
Anfang April 1973: Thomann verlässt die
Bundesrepublik Deutschland um in die USA zu reisen. Anlass für diese
Entscheidung ist die Meldung, dass der letzte GI vietnamesischen Boden
verlassen hat.
Thomann definiert den Aufbruch in die USA
als Flucht, „für eine weitere Viertelstunde mit Warhol“ (Thomann). Bei der
Zwischenlandung in New York sieht Thomann am Flughafen eine Fernsehshow, in der
Iggy Pop von den Stooges eben gefragt wird: „Mr. Pop, whom did you help?“,
und der darauf antwortet: „I think I helped wipe out the Sixties.“
Thomann nimmt einen Markierstift und schreibt auf den Fernseher: „I wiped out
Weltliteratur.“
Vorerst will er sich nur „einige Monate“
in den Vereinigten Staaten aufhalten.
Thomann zieht nach San Francisco, wo er
in Douglas Houfmans/Craig McKennas „Nonterritorial“, einer kleinen Künstler-Wohngemeinschaft
in der Height Street, einzieht.
Ende April schreibt er seine
Kurzgeschichte „United Karies“ („Karies“ als Anlehnung an Heinz Karner), die
erst im Jahre 1978 im Berliner Kleinverlag „edition St(r)ichpunkt“
veröffentlicht wird.
Thomann veranstaltet, gemeinsam mit Fred
Dunnan, eine Vorlesungsreihe zu „Strategic Art“ am California College of
Arts and Crafts. Die LA Times lobt die
Vorträge: „We will never be surprised ever again.“
Am 8. Juli 1973 erfährt Thomann vom Tod
Max Horkheimers.
In Memoriam Max Horkheimer beginnt er mit
der Sammlung von alten Fotografien.
Im Zuge dieser Arbeit konzipiert er ein
Langzeitprojekt und nennt es „Personal Deaths“. Im Laufe der nächsten
zwei Jahres präsentiert er in der San Franciscoer Galerie „Propper Gallery“
immer wieder „Personal Death Events“, bei denen er mit langsamer,
monotoner Stimme persönliche Erinnerungen erzählt, die er mit jüngst
verstorbenen Menschen in Verbindung bringt. In dieser Reihe performt er die
Tode Pablo Picassos, Max Horkheimers, Ingeborg Bachmanns, Duke Ellingtons,
Erich Kästners und Charles Lindberghs.
„Die starke
Auseinandersetzung mit Sentimentalität und Ende, die mir vor allem in dieser
Zeit in San Francisco begegnete, entlud sich in den Todesperformances. Förmlich
in Trance urinierte ich mehrmals auf Fotografien von Kästner, Lindberghs
berühmtes Foto nach seiner Landung in Europa aß ich.“
Nachdem der US-Kongreß Nixon Anfang Juli
zum Bombenstopp in Kambodscha gezwungen hat, tritt der Stopp am 15. August in
Kraft. Thomann nimmt das Video „12“ auf. Das Video besteht aus verschiedenen,
zufällig auftretenden, schnell geschnittenen Standbildern der Zahl 12 (auf
Plakatwänden, auf Speisekarten, Autonummern, etc.)
„12 war die Anzahl der
Jahre der amerikanischen Interventionen in Indochina. Ich wollte diese Zahl
festhalten und mit Alltagserfahrungen der amerikanischen Nation querschneiden.
Die Zahl 12 präsentiert Anfang und Ende des amerikanischen Traums. Vollgesogen,
ausgekotzt.“
August 1973: Thomann zieht in eine
Wohnung in San Jose (Delaney Ave).
Dort beginnt er Ende September mit der
Arbeit an seinem Buch „The Past and the Future“.
Thomann bezeichnet sich selbst in einem
Brief an Margot Morauer als „aufgeschwemmt“.
Am 2. Dezember 1973 prägt Thomann im
Rahmen der Podiumsdiskussion „Energy War“ an der California State University
(Hayward) das Schlagwort der „Petrol based lifeform“.
1974
Ab Januar 1974 ist Thomann neben seiner
Arbeit als Künstler auch Kunstkritiker des amerikanischen Magazins „Newsweek“.
Seine Texte zur Gegenwartskunst erscheinen unter anderem in „Art Form“.
„Good Gifts for Oyster
Oilers“ (seine erste Rezension) wird heftig attackiert. Die Chefredaktion
ist begeistert.
Januar/Februar 1974: Coast to Coast-Tour von San Jose nach New York. „Newsweek“ stellt ihm einen Jeep zur Verfügung
nachdem Thomann verspricht „auch die entlegensten Kunstwerke am Weg zu finden“.
In Los Alamos lernt er den Friedensaktivisten Ed Grothus und seine
Atommüllsammlung kennen. Thomann schlägt „Newsweek“ eine große Coverstory mit
dem Titel „Atomic Ed, Radical Trash Artist“ vor. Er wird aber zu einem
sofortigen Stopp seiner Arbeit an der Story aufgefordert.
Ende Februar 1974: Thomann verbringt, auf
Einladung der New Yorker Galerie Bonino, zwei Monate in New York. In der
Galerie stellt er seine Medienskulptur „Telly“ aus und lernt Nam June Paik nun
erstmals persönlich kennen.
Der „New Yorker“ lobt „Telly“ als „übertreffendes
technisches Niveau und Homogenität der Kritik“, besonders interessant sei
der Aspekt des mechanischen Hundes im Zentrum des Aufbaus.
In Anlehnung an Pryne Davids
Fernsehperformance „Pra“, die er 1971 beim Washingtoner Fernsehsender
W.T.O.P-TV durchführte, will Thomann auch in der Bay Area den Versuch starten,
das Massenmedium Fernsehen zu „entmassen“. Sein Projekt „Dad Dee“ wird
am 4. Januar 1974 auf K.T.N.F. Oakland durchgeführt.
Am 21. Februar 1974 hat William Friedkins
Horrorstreifen „Der Exorzist“ Kinopremiere. Bereits im Vorfeld gibt es
Proteste gegen den Film, dieser würde exzessive Gewalt zeigen. Thomann besucht
den Film und macht Super-8-Aufnahmen. Diese montiert er mit Filmmaterial von
Obdachlosen. Während der Präsentation des Films in der Mayfield Gallery, Palo
Alto, liest Thomann Teile aus „Moby Dick“ und der amerikanischen Verfassung
vor.
„Es war drastisch und notwendig.
Ich fühlte mich gut. Ich hatte etwas getan. Es war eine geschickt eingefädelte
Selbsttäuschung. Ich übte es, amerikanischer Künstler zu sein. Ich wollte
amerikanischer Künstler sein. Und doch war ich nur ein Idiot.“
Ende März Rückkehr nach Kalifornien.
Am 4. April 1974 gibt Patricia Hearst
bekannt, sich der „Symbionese Liberation Army anschließen“ zu wollen. Die „SLA“
hat die Tochter des Medienzaren Randolph Hearst am 4. Februar 1974 entführt um
Lösegeld zum Ankauf von Lebensmitteln für bedürftige Menschen in Kalifornien zu
erpressen.
Thomann ist von dieser Situation
beeindruckt, will sich aber auch mit der Rolle Hearsts und der
Medienberichterstattung („Media Buttocks!“) auseinandersetzen. Er läuft
durch den Campus von Berkeley und vervielfältigt Flugblätter, auf denen er
offiziell erklärt, in Patricia Hearst verliebt zu sein. Er verkündet, dass der
Valentinstag ab sofort für ihn der 4. April sei. Er errichtet einen fahrbaren
Schrein auf einem alten Ford, der mit Papierherzen, Plastikblumen und Spielzeugpistolen
verziert ist. Diese Aktion wird unter dem Titel „First Campus Happening“
bekannt. Eine Studentenzeitschrift beschreibt die Aktion als „unvollkommene
und unkritische Prüderie“. Thomann beschimpft die maßgeblich beteiligte
Journalistin Casey Londale als „cash cunt“.
Den Wagen schenkt Thomann der Mayfield
Gallery.
Mai 1974: Thomann nimmt über den
Videokünstler Pete Hume Kontakt zu technisch versierten Hackerkreisen auf.
Thomann selbst bezeichnet sich in dieser Zeit zwar immer als „technischen Laien,
der seinem Europäismus nicht entkommen kann“ (Art Forum, 3/89), aber
die Kontakte sind durchaus fruchtbar.
Dies äußert sich in Thomanns
Kurzgeschichte „World Game“. Thomann ist erstmals an der Universität
Berkeley mit Computernetzwerken konfrontiert, etwa mit den von den Studenten im
Computer Labor der Universität gespielten Netzwerkspielen.
„Diese transräumlichen
Spiele konfrontierten mich schlagartig mit einer völlig neuen Weltsicht. World
Game spiegelte diese Erfahrung in literarischer Form.“
Mai 1974: Thomann erarbeitet die
Satellitenperformance „Globetrotting“.
Unterstützt wird er dabei vom Contemporary
Arts Museum in Huston und dessen Direktor James Hariths, der die
erste Videoabteilung am Everson Museum in Syracuse einrichtet.
„Ich wollte unbedingt
etwas mit Satelliten machen. Das war das große Unbekannte, und darum exotisch.
Ich wollte es benutzen, um damit ein sehr avantgardistisches, konzeptuelles
Video zu verbreiten, etwas, das niemand erwartet oder sich gewünscht hatte. Ich
wollte raus, ich wollte in den absoluten geometrischen Raum.“ (Thomann in
einem Gespräch mit der Filmemacherin Kathrin Resetarits, 1998)
Thomann macht Bekanntschaft mit Ted
Dabney von Atari. Gemeinsam mit Dabney designt er die Videoskulptur „Nevermore
Nuppy NBC“ für das Mojo Art Festival (San Francisco, 4. Juni bis 16.
Juni).
„Historisch betrachtet
kann die Geschichte der Medienkunst, wie sie sich heute darstellt, aufgrund
ihrer technologisch-medialen Innovationsschübe zum Beispiel in drei Abschnitte
geteilt werden: die frühe analoge elektronische Kunst (Video- und
Fernsehprojekte ebenso wie frühe Netz-, also Telekommunikationsprojekte), die
auf medienkritische Positionen und Erfindungsgeist in den Sechzigern und
Siebzigern aufgebaut hat, die mittlere digitale - also computergestützte -
Medienkunst mit ihrem Schwerpunkt auf den Möglichkeiten der Interaktion
zwischen Programm und UserIn und auf die sogenannten Interaktiven
Installationen und Environments, und schließlich die Phase des Internet mit
seiner hypertextartigen, vernetzten Struktur, Grundlage für das Phänomen der
Netzkultur ebenso wie das der Netzkunst. Lange Zeit, bis in die Achtziger Jahre
hinein, erkannte ich nicht, dass ich in der medienkritischen Phase
steckengeblieben war.“ (Art Forum, 3/99)
Thomann trägt ein lebensgroßes Kruzifix
durch den Campus von Berkeley. An die Hände der Jesusfigur sind Telefonhörer
genagelt. („Second Campus Happening“, 1. August 1974)
Dezember 1974: Craig McKenna, Hannah
Perch und Thomann realisieren das Projekt „Collateral Crunch“.
„Collateral Crunch war
eines der schönsten Projekte in dieser Zeit. Die Installation wurde von Nolan
Bushnell von Atari, den wir für die Aktion faszinieren konnten, finanziert.
Collateral Crunch war eine elf Meter hohe Stahlkonstruktion in Form einer geballten
Faust mit integrierter Teslaspule, die wir in viermonatiger Arbeit im Hafen von
Oakland errichteten. Craig lief als gelackter Moderator im roten Plüschanzug
mit einem rohen Puter in der Hand auf und ab und kommentierte die Collateral
Crunch Show. Das war eine ungeheuer kraftvolle Aktion. Ähnliche Performances
sollten dann in den frühen Achtziger Jahren von Craig McKenna und Mark Pauline
(Industrial
Research Labs) und der Cacophony Society (die Burning Man
Festivals ab 1985) realisiert werden. Aber das interessierte mich dann nicht
mehr. Das war vorbei. Das war nur noch Siebziger.“
1975
Januar 1975: „Während eines Interviews
mit dem San Francisco Chronicle wurde ich auf die politische Situation in
Deutschland angesprochen. Die Verhaftung zahlreicher RAF-Mitglieder, die Peter
Lorenz Aktion der Bewegung 2. Juni, etc., ich antwortete, natürlich provokativ,
dass mich das alles nicht interessieren würde. Dieses Zitat hing mir noch Jahre
nach. Aber vielmehr ging es um die Richtigstellung der Positionen. Ich erzähle
Amis nichts über die RAF. Die sollten vielmehr mir etwas von den Black Panthers
erzählen.“
Thomann
beendet die Arbeit an „The Past and the Future“.
Das Buch wird im Februar 1975 in
englischer (HarperCollins) und im April 1975 in deutscher Sprache (Pranke,
Stuttgart) veröffentlicht.
Thomann zieht Februar 1975 nach New York.
Er kollaboriert informell mit
Künstlergruppen wie den „Video Freex“ und „Raindance“. Dabei entstehen bis Ende
April fünf Ausgaben der „Transition Tapes“.
-
„Transition One“
-
„Transition More“